Erste Lesung
So spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich selbst bin es, ich will nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern.
Wie ein Hirt sich um seine Herde kümmert an dem Tag, an dem er inmitten seiner Schafe ist, die sich verirrt haben,
so werde ich mich um meine Schafe kümmern und ich werde sie retten aus all den Orten, wohin sie sich am Tag des
Gewölks und des Wolkendunkels zerstreut haben.
Ich, ich selber werde meine Schafe weiden und ich, ich selber werde sie ruhen lassen – Spruch GOTTES, des Herrn. Die
verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen
kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist.
Ihr aber, meine Herde – so spricht GOTT, der Herr –, siehe, ich sorge für Recht zwischen Schaf und Schaf.
Zweite Lesung
Schwestern und Brüder! Christus ist von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Da nämlich
durch e i n e n Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch e i n e n Menschen auch die Auferstehung der Toten.
Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.
Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm
gehören. Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft entmachtet hat und seine Herrschaft Gott,
dem Vater, übergibt.
Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. Der letzte Feind, der entmachtet wird,
ist der Tod.
Wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat,
damit Gott alles in allem sei.
Evangelium
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel
mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm versammelt
werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu
seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken.
Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt
das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu
essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen;
ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis
und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen
gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder
nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir
gekommen?
Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan
habt, das habt ihr mir getan.
Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den
Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig
und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und
ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.
Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank
oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?
Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt
ihr auch mir nicht getan.
Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.
Zum Nachdenken
Das Christkönigsfest am Ende des Kirchenjahres lenkt unsere Aufmerksamkeit wieder auf den Bezug zwischen
unserem irdischen Leben und der Vollendung unseres Lebens in Christus, dem König und Hirten. Wie hängen
irdisches und "ewiges" Leben zusammen, wie kann Christus König und Hirte zugleich sein?
Es gibt wohl kaum ein schöneres Bild von einem "Hirten" als die Beschreibung, die uns die Erste Lesung anbietet:
er heilt, wo es Verletzungen gibt, sucht alle, die sich verirrt haben, gibt Kraft den Schwachen und behütet die
Starken. Es ist ein Bild für die fürsorgende liebende Treue Jahwes, der sein Volk in den Raum seines Schutzes und
seiner Zuwendung holt. Diese Bilder wollen unser Herz anrühren, denn genau dort – in unserer "Mitte", wo im
orientalischen Verständnis alle Lebenskräfte ihren Ausgangspunkt haben – geschieht Begegnung mit Gott.
Der Begriff "Hirt" begegnet uns im Ersten Testament immer wieder als Beschreibung und Titel für den liebenden
und sich um sein Volk sorgenden Gott. Die Könige Israels sollten dieses Hirtenamt Gottes übernehmen und für
das Volk leibhaftig erfahrbar werden lassen. So kommt es zur Verbindung der Titel "Hirt" und "König". In
diesem Sinn ist der liebende und sorgende Hirt Christus der König schlechthin! Ein König, dessen Königtum –
Gott sei Dank! – nicht von dieser Welt ist. Nicht "oben" hält er sich auf, sondern "unten" an der Basis, mitten in
seinem Volk. Könnte es sein, dass wir uns schwer tun, Ihn zu erkennen, weil wir dort suchen, wo Er nicht ist, wenn
wir göttliches Königtum mit dem Bild irdischer Herrschaft und Macht gleichsetzen? Christus findet sich inmitten
der Erniedrigten, Armen, Ausgegrenzten ... Jederzeit und überall gibt es sie, sei es, dass sie durch Schicksalsschläge
dazu werden oder in von Menschen gemachte Systeme hineingeboren werden, in denen sie bereits aufgrund ihrer
Rasse oder ihres Geschlechtes zu den Unterprivilegierten zu zählen sind. Wir können sie nicht übersehen, wenn wir
unsere Augen offen halten. Immer dann, wenn wir uns den Notleidenden unserer Zeit und Welt zuwenden – nicht
mit Almosen, sondern mit echtem Respekt vor ihrer Würde und mit kreativer Liebe, werden wir auf Christus, den
König und Hirten treffen und können Ihn auch für andere sichtbar und spürbar werden lassen.
Ein derartiges Verständnis vom Königtum Christi kann nie dazu führen, dieses Fest triumphalistisch zu feiern. Wir
können nur als demütige und barmherzige Kirche auftreten, die ihre Macht nie dazu missbrauchen darf,
Menschen zu unterdrücken, sondern – wenn sie das Vorbild des Christuskönigs ernst nimmt – nur dazu
gebrauchen kann, Menschen zum Leben zu befreien. Ob wir dieses Fest heute im Sinne Jesu feiern, dem
Verteidiger und Beschützer der Menschen auf der Schattenseite des Lebens, wird an unserem Verhalten sichtbar
werden, Tag für Tag.