Erste Lesung
Daniel sagte: Ich schaute in meiner Vision während der Nacht und siehe: Da kam mit den Wolken
des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn
geführt.
Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen dienten
ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.
Zweite Lesung
Jesus Christus ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, der Herrscher über die Könige der
Erde.
Ihm, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut, der uns zu einem
Königreich gemacht hat und zu Priestern vor Gott, seinem Vater: Ihm sei die Herrlichkeit und die
Macht in alle Ewigkeit. Amen.
Siehe, er kommt mit den Wolken und jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt
haben; und alle Völker der Erde werden seinetwegen jammern und klagen. Ja, Amen.
Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der
Herrscher über die ganze Schöpfung.
Evangelium
In jener Zeit fragte Pilatus Jesus: Bist du der König der Juden?
Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben es dir andere über mich gesagt? Pilatus
entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die Hohepriester haben dich an mich ausgeliefert.
Was hast du getan?
Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Königtum von dieser Welt
wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist
mein Königtum nicht von hier.
Da sagte Pilatus zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein
König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis
ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.
Zum Nachdenken
Als Pontius Pilatus Gouverneur von Judäa war, brachten die jüdischen Behörden einen Gefangenen vor ihn,
damit er ihn zum Tod verurteile. Der Gefangene war offensichtlich vorher schon schlecht behandelt worden.
Seine Kleidung war zerrissen, es war Speichel in seinem Bart und Spuren von Schlägen waren in seinem
Gesicht. Pilatus schaute ihn an und sprach: "Man sagt mir, du beanspruchst ein König zu sein. Bist du ein
König?" "Ja", antwortete der Gefangene, "du hast recht. Ich bin ein König."
Wenn Jesus Christus von sich als König spricht geht es nicht um einen Königsbegriff im politischen, sondern
mehr in einem psychologischen, ja archetypischen Sinn, wie er z.B. auch im Märchen vorkommt. Mit einem
politischen König, der in unserer modernen Welt ohnehin fast nur mehr Repräsentationsfigur ist, fangen wir
heutzutage nicht mehr viel an. Aber in uns allen ist im Unterbewusstsein ein Urbild (Archetypus) des
Königsbegriffes lebendig. Der "König" ist der Inbegriff des freien und souveränen Menschen, der über sich
selbst Herr ist und von niemandem beherrscht wird. Er ist der Weise, der seinem Volk Ordnung garantiert. Er
ist der Retter, der Frieden wieder herstellt und der sich für das Wohl seines Landes verzehrt. In diesem Sinn ist
Christus ein König. Wie kein irdischer König kann Jesus ein Reich begründen, in dem die Menschen Schutz,
Frieden und Heil finden, in dem Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe "herrschen" und wo sie Schutz vor dem
letzten Feind der Menschheit finden: dem Tod und der Vernichtung im Tod. Alle Sehnsucht der Menschen,
dass sich dieses Gottesreich durchsetzen möge, klingt mit, wenn wir Jesus Christus als König bezeichnen.
Wenn Christus aber König ist, dann ist kein Mensch in gleicher Weise KönigIn. Christus als König
anzuerkennen bedeutet auch, allen Arten von weltlichen (politischen, kirchlichen ...) Herrschaftsansprüchen
den letzten Gehorsam zu verweigern.
Weil dieser "Christkönig" unter uns Wohnung nahm, sind auch wir "ein auserwähltes Geschlecht, eine
königliche Priesterschaft" (1 Petr 2,9) Wir haben teil an seinem Wesen und seiner Gestalt (Röm 8,29) und
somit auch an seiner Königsherrschaft. Das heißt, wir sind Königskinder aufgrund der Würde, die uns von
Gott selber zuerkannt wurde! Indem wir äußerlich Christus als König feiern, sind wir eingeladen, auch unserer
eigenen inneren Königswürde nachzuspüren. Wir dürfen spüren, was es heißt, voller Würde, unabhängig,
echt, frei und souverän, sicher und selbstbewusst zu sein – eben ein König, eine Königin. Wer wirklich frei und
souverän ist, kann sich auch frei machen für andere, sich hingeben und dienen. Ein/e wirklich Große/r
verliert nicht seine/ihre Größe durch ein sich Klein-Machen. Wer nicht wirklich KönigIn ist, muss sich und
anderen seine Größe ständig beweisen, indem er/sie andere bewertet und klein hält. An unserem Umgang
mit anderen zeigt sich unser "königliches" Ausmaß an Freiheit und Größe, und unser Anteil am Mitbau am
Königreich Christi. Das himmlische Königreich ist kein Reich allein des Jenseits. Es ist ein Königreich, das im
Hier und Jetzt beginnt, weil wir dessen MitbegründerInnen sind.
Wir dürfen einem König dienen, der sich nicht aufdrängt, der sich von allem Anfang an klein macht, der sich
von unserer Bereitschaft zur Mitarbeit abhängig macht. Der das kann, weil er über wirkliche Würde und
Größe verfügt. Mögen auch wir uns dieser Königswürde immer mehr annähern.